Neue Rosen und alte Dornen

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Neue Rosen und alte Dornen – Der Arbeitsbeginn

Autor: Karl Kollar

Karin klappte die alte Mappe zu und legte sie beiseite. Sie hatte sich jetzt zwei Stunden mit der Tradition der Familie von Stein befasst und besaß nun zumindest einen groben Überblick, was bei ihrer zukünftigen Arbeit wichtig sein würde. Frau Dortmund hatte ihr vor allem das Kapitel ans Herz gelegt, welches sich mit dem Erwachsen werden der jungeren Töchter befasste. Für die volljährigen, aber noch nicht verheirateten jungen Damen gab es sehr viele seltsame Regeln, denen sie folgen mussten.

 

Bald nach der Konfirmation wurden die Töchter in einem feierlichen Rahmen in die Riege der heiratsfähigen Töchter aufgenommen. Ein wichtiges Symbol für den Adel war seit jeher, dass die Damen nicht zu arbeiten hatten. Sie trugen oft gewisse Kleidung, die ihnen eine normale Bewegung unmöglich machte. Es blieb ihnen oft nur die Möglichkeit, mit Trippelschritte zu gehen und zu lächeln. Die Arme waren oft durch die Kleidung effektiv an jeglicher Benutzung gehindert.

Besonders deutlich wurde dies durch die Monohandschuhe, die den jungen Damen im Rahmen dieser Feier das erste Mal angelegt wurden und die sie in Zukunft bis zu ihrer Hochzeit bei allen formalen Anlässen zu tragen hatten. Erst als Ehefrau hatte sie das Recht, selbst zu entscheiden, welche Kleidung sie tragen wollte.

In den Unterlagen hatte Karin viele Hinweise darauf gefunden, wie wichtig der Handschuh im Hause Stein genommen wurde. Es gab für viele Gelegenheiten jeweils einen eigenen Handschuh und es wäre dann Karins Aufgabe, den Töchtern jeweils beim Wechseln zu helfen. In Gedanken zählte Karin noch mal auf, was sie behalten hatte. Es gab einen Handschuh für den Unterricht, einen für die Freizeit, einen für die Spaziergänge im Schlosspark und jede Menge Handschuhe für die verschiedenen Festlichkeiten. Besonders in Erinnerung geblieben waren ihr die Handschuhe für die unterschiedlichen Jahreszeiten und den Handschuh für die Mahlzeiten. Letzteres empfand Karin als besonders unsinnig.

Ihre Aufgabe würde es sein, den Mädchen den Mono in ihren Zimmern anzulegen, sie dann an die Tafel zu führen und ihnen den Handschuh dort wieder abzunehmen. Auf diese Regel hatte sie die Verwalterin auf einem extra Zettel noch einmal ausdrücklich hingewiesen. Trotzdem kam Karin nicht umhin, über diese so unsinnige Regel den Kopf zu schütteln.

Aufgrund ihrer Ausbildung ahnte Karin, dass der Handschuh für die heranwachsenden Damen ein wichtiges Zeichen des Erwachsen werden war. Auf einmal erschienen Bilder in ihrem Kopf, auf denen kleine Mädchen mit Einkaufstaschen spielten. Sie steckten ihre Arme hinein und auf die Frage ihrer Mutter, was sie dort taten kam die Antwort: »Wir spielen Erwachsene.« Ein Lächeln glitt über Karins Gesicht.

Auf einen anderen Aspekt der Tradition hatte Frau Dortmund auch noch hingewiesen. Es gab für die Schnürung der Monohandschuhe ein Familienmuster und die Tanten seien sehr empfindlich, was Fehler in diesem Muster betraf. Karin solle sich auf jeden Fall mit diesen Mustern vertraut machen.

Karin schüttelte verwirrt den Kopf. Sie hatte die entsprechenden Seiten in der Mappe gefunden. Dort waren für jeden Teil der weit verzweigten Familie das für sie geltende Muster aufgezeichnet. Karin hatte allerdings große Schwierigkeiten, überhaupt Unterschiede zwischen den einzelnen Schnürungen zu entdecken. Insgeheim ahnte sie, dass dieser Teil ihr noch größere Schwierigkeiten machen würde.

Weiterhin, so erfuhr Karin aus der Mappe, war es für die jungen Damen stets eine Ehrensache, dass ihre Schnürung auf der gesamten Länge komplett und streng geschlossen war. Es gab nichts schlimmeres als eine Schnürung, bei der noch ein Spalt übrig blieb. Der Spott der anderen jungen Damen auf dem Fest wäre ihr noch auf Monate sicher gewesen.

Der Ehrgeiz der jungen Damen war groß. Jede fieberte auf ihr erstes Fest hin und jede hatte schon lange zuvor mit dem Training begonnen. In einer eigenen Zeremonie wurde ihnen bald nach der Konfirmation der erste Handschuh angemessen, den sie dann bei allen offiziellen Gelegenheiten tragen durften. Ziel einer jeden jungen Dame war es, den Handschuh ein Familienfest lang tragen zu können. Die Feste dauerten vom morgendlichen Kirchgang bis spät Abends. Dabei gab es aber genügend Zeiträume, in denen der Mono abgelegt werden durfte, insbesondere bei den ausgedehnten Mahlzeiten. Es war das Ziel des Trainings, den Mono mindestens zwei Stunden (er)tragen zu können.

 

Es gab noch einen anderen wichtigen Aspekt des Erwachsenwerdens. Am Abend ihres ersten Festes werden die jungen Damen nicht minder feierlich, aber in einem etwas intimeren Rahmen, in den Keuschheitsgürtel eingeschlossen, den sie dann bis zur Hochzeit zu tragen haben. Bei besonders traditionsbewussten Familien trugen die Töchter auch noch den dazu passenden Keuschheits-BH.

Aus der Mappe ging nicht so genau hervor, wann genau der Gürtel zu tragen war. Karin hatte diesbezüglich nur die Regel gefunden, dass die Mädchen das Haus nie ungeschützt verlassen durften. Aus einer Anmerkung von Frau Dortmund konnte Karin indirekt schließen, dass die Mädchen wohl keine Jungfrauen mehr waren, denn es war ihnen erlaubt, in dem Gürtel auch einen Dildo zu tragen.

In der Nacht gab es eine Wahlmöglichkeit für die Mädchen. Entweder sie konnten im Keuschheitsgürtel verbleiben oder wurden sie vom Gürtel befreit, aber ihre Hände wurden am Kopfende festgebunden oder anderweitig »unbrauchbar« gemacht. Karin fand hierzu noch die Anmerkung, dass sie jeden Abend fragen sollte, da insbesondere Sandra hier oft unterschiedliche Wünsche hatte.

Ein anderes Detail hatte Karin noch mehr fasziniert. Wenn eine junge Dame schon versprochen war, dann musste sie als äußeres Zeichen dafür bei bestimmten Gelegenheiten einen Ball zwischen den Lippen tragen. Die Etikette besagte, dass ein solche Mädchen nicht anzusprechen war. Tat man es doch, so brachte man sie in Verlegenheit, denn wenn sie eine Antwort versuchte, wäre der Speichel heraus gelaufen und hätte dann sichtbare Spuren auf der Haut und auf ihrer Kleidung hinterlassen.

Wenn eine versprochene Dame etwas sagen wollte, dann musste sie erst der Dienerschaft ein Zeichen geben und diese nahmen ihr dann kurz den Knebel ab. Dies hatte vor allem den Zweck, dass die Mädchen nicht unüberlegt los plapperten, sondern sich ihre Sätze gut überlegen mussten. Sabberspuren auf der Kleidung waren höchst ehrenrühig und eine Schande für die ganze Familie.

Es fiel Karin aber auch auf, dass dieses eine neuere Regel zu sein schien, denn auch ohne Kennerblick war zu erkennen, dass sie auf ganz modernem Papier geschrieben war.

Die Kinder der Familien wurden sich, wie es in den Adelskreisen üblich war, schon bald nach der Geburt einander versprochen und sie wuchsen mit diesem Wissen auf. Bald nach dem Wunsch, Erwachsen zu werden kam der Wunsch zu heiraten und damit wieder frei zu werden.

Über allem wachte der Familienrat. Soweit es Karin aus den Anmerkungen von Frau Dortmund entnommen hatte, hatte der Vater des Barons vier Geschwister, seine Frau ebenso. Aus diesen Personen setzte sich der Rat zusammen und wachte sehr aufmerksam über die Einhaltung der seit vielen Generationen gültigen Traditionen. Aufgrund der großen Familie hatte sich zwischen den einzelnen Häusern eine Art Wettstreit entwickelt, welche Familie die Traditionen am besten ein hielten und weiter gaben.

Besonders die Schwestern des Barons, so die Notizen von Frau Dortmund, bestanden sehr eindringlich darauf, stets alle Rituale vollständig durchzuführen. Auch die Töchter waren sehr ehrgeizig damit beschäftigt, die Regeln einzuhalten. Es galt als Ehrensache, der Familie keine Schande zu machen, weder vor noch nach der Heirat.

Karin griff zu dem zugeklebten Briefumschlag, den Frau Dortmund ihr noch gegeben hatte mit der Bitte, diesen ganz zuletzt zu lesen und ihn nach dem Lesen sofort zu vernichten. Karin musste ihr dies sogar versprechen, bevor ihr der Brief ausgehändigt wurde.

Aus dem Schreiben erfuhr Karin noch ein paar wichtige Details zur Familie, die zuletzt anscheinend ein wenig in Ungnade gefallen war. Der Baron hatte gegen den Familienrat durchgesetzt, eine Bürgerliche zu heiraten. Die Baronin, so erfuhr Karin aus dem Brief, hatte unter der Tradition sehr zu leiden und gemäß der Einschätzung der Verwalterin hatte sie wohl versucht, ihre Töchter vor der Tradition zu schützen. Es kam zum Eklat und als sich auch der Baron gegen sie und auf die Seite der Familie stellte, war sie ins weinend Auto gestiegen und weggefahren. Einige Tage später wurde das Auto aufgefunden. Es hatte sich mehrmals überschlagen und war ausgebrannt. Von der Baronin fehlte jede Spur. Seitdem war die Mutter in der Familie Tabu.

»Fragen sie NIE nach ihr.« hatte Frau Dortmund sehr eindringlich neben ihren Gruß unter ihr Schreiben gesetzt.

Es klopfte. Karin steckte den Brief hastig in ihre Tasche, dann rief sie »Herein.«

Frau Dortmund trat ein. »Ich wollte ihnen kurz im Schloss die wichtigsten Räume zeigen.«

* * *

Karin ließ sich glücklich auf das große Bett fallen und blickte die stuckverzierte Decke an. So richtig konnte sie ihr Glück immer noch nicht fassen. Die Familie wollte sie trotz ihrer Vorstrafe als Betreuerin der drei Töchter einstellen.

Sie hob ihren Kopf und blickte in ihrem neuen Reich umher. Es war zwar mit Abstand der kleinste Raum des ganzen Schlosses, aber trotzdem wesentlich größer als das »Loch«, welches sie sich bisher mit ihrem Freund teilen musste.

Frau Dortmund hatte sie eben durch das Schloss geführt und ihr alle für ihre Arbeit wichtigen Räume gezeigt. Zum Schluss waren sie dabei noch durch die Prunkgemächer des Barons gegangen und Karin war schwer beeindruckt, in welch einem noblem Haus sie jetzt arbeiten durfte.

Doch dann fiel ihr Blick auf den ältlichen Ordner, der sehr ausführlich über die sehr seltsam anmutenden Traditionen des Hauses Stein Auskunft gab und in dem Karin bisher nur oberflächlich lesen konnte.

Auf dem Tisch lag jetzt auch das Formular, in dem Karin alle ihre Maße notieren musste. Frau Dortmund wollte den Zettel vor dem Spaziergang der Mädchen abholen.

 

Natürlich wusste Karin, was ein Monohandschuh war. SIE hatten sie schon oft einen tragen lassen. Doch jetzt hielt sie drei echte Handschuhe in der Hand und sie musste sich große Mühe geben, um nicht zu zittern. Auf die Frage, ob sie damit umzugehen wüsste, hatte Karin zunächst nur etwas gestammelt.

Die Verwalterin kam ihr zu Hilfe. »Im Grunde ist es ganz einfach, zumindest bei diesen Handschuhen mit Reißverschluss.«

»Warum...« mehr konnte Karin von ihrer Frage nicht formulieren. Zu nervös machte sie das Leder in ihrer Hand.

»Nun, die jungen adeligen Damen müssen sich daran gewöhnen, dass sie ihre Arme so gut wie nie benutzen müssen.« Frau Dortmund schien diese Frage schon öfters beantwortet zu haben. »Der Handschuh hilft ihnen dabei und sorgt zudem für die richtige vornehme Haltung.«

Es war Karin mehr als Recht, dass ihre Nervosität als Unsicherheit interpretiert wurde. Das sie selbst auch sehr gern in so einem echten Handschuh gesteckt hatte, war in diesem Moment jedoch undenkbar.

Die Verwalterin nahm einen der Handschuhe in die Hand und blickte auf das Monogramm, welches oben links neben dem Reißverschluss angebracht war. Es zeigte auf dem Familienwappen ein stilisiertes J. Ihr Blick suchte die jüngste Tochter, die sich sofort umdrehte und ihre Arme auf dem Rücken präsentierte.

»Sehen sie«, wandte Frau Dortmund sich an Karin, »Sie schieben die Hülle einfach nur über die Arme und befestigen sie mit den Schulterriemen.« Sie zeigte Karin die nötigen Handgriffe. »Dann können sie einfach den Reißverschluss zuziehen und oben noch den Entlastungsriemen schließen.«

Karin hatte Mühe, ein Stöhnen zu unterdrücken, als sie zusehen musste, wie Jasmins Arme so unerbittlich gefangen genommen wurden.

»Mit dem Reißverschluss ist das sehr einfach«, wiederholte die Verwalterin. »Schwieriger wird es bei den Handschuhen, die zugeschnürt werden müssen.« Sie wies auf das Familienmuster hin und dass es auch wichtig sei, dass die Schnürung des Handschuhs stets ganz geschlossen sein müsste. »Prägen sie sich das gut ein.«

Zu ihrer Erleichterung hatte Karin bei den Handschuhen für die anderen beiden Schwester überhaupt keine Probleme und selbst als die beiden Tanten ihre Arbeit kontrollieren wollten, fanden diese nichts zum aussetzen.

Die Verwalterin reichte Karin noch drei Ballknebel. »Diese legen sie bitte den Mädchen vor der Haustür an.« Als die Verwalterin Karins ungläubigen Blick sah, fügte sie ein »Die Tradition erfordert dies so.« hinzu.

Karin hatte große Mühe, ihre Hände unter Kontrolle zu halten. Nur zu gern wäre sie jetzt an der Position einer der Mädchen gewesen. Erst als eine der Tanten sich räusperte, kam Karin wieder zu Besinnung und bat die Mädchen, ihr zu folgen.

 

Doch die Mädchen blieben vor der offenen Haustür stehen und blickten nervös zwischen Karin und den Tanten hin und her. Karin bemerkte dies sofort, doch sie hatte keine Idee, was nicht stimmte. Die Mädchen trugen ihre Handschuhe und eben hatte Karin ihnen auch noch die Knebel angelegt.

»Warum geht ihr nicht hinaus?« Tante Selmas Stimme klang etwas ungehalten.

Anna schaute sie eindringlich an und drehte dann ihren Kopf nach draußen.

Selma folgte dem Blick und sah draußen den nassen Weg. »Dann lasst euch die Capes überziehen.«

Die Mädchen mussten etwas warten, bis Frau Dortmund die Capes aus dem Nebenraum geholt hatte. Eines davon reichte sie Karin. »Hängen sie es den Mädchen einfach über die Schultern und schließen vorn den Reißverschluss.«

Karin sah zu, wie Anna das Cape umgehängt wurde, dann trat sie zu Sandra und legte ihr das Cape ebenfalls über die Schultern. Während sie den langen Reißverschluss nach oben zog, fiel ihr auf, dass es in dem Cape weder Ärmel noch Armdurchgriffe gab. Auch zeigten die Capes durchaus schon einige Gebrauchsspuren. Sie begann zu ahnen, dass die Mädchen sicher sehr oft so ohne Arme spazieren gehen mussten.

Als sich Karin wieder von Sandra abwandte, sah sie, dass die Verwalterin ihr ebenfalls einen Lackmantel reichte. »Sie sollen auch nicht nass werden.«

Wieder zitterten Karins Hände, als sie den für sie sehr aufregenden Mantel entgegen nahm. Sehr oft hatte sie schon von so einem glänzenden Mantel geträumt, doch bisher konnte sie sich so etwas einfach nicht leichten.

»Und was ist, wenn Wind kommt?« Tante Selma blickte sehr eindringlich auf die Mädchen.

Es war Anna anzusehen, dass sie widersprechen wollte, doch dann drehte sie sich zu Karin und blickte sie auffordernd an.

Karin legte den aufregenden Mantel noch einmal beiseite und fragte Frau Dortmund, was sie noch zu tun hätte.

Es war der Verwalterin anzusehen, dass auch sie die Anweisung der Tante für übertrieben hielt, doch auch sie wagte keinen Widerspruch. »Sie müssen die Bänder am unteren Rand noch an den Stiefeln der Mädchen festbinden, damit das Cape nicht hoch wehen kann.« Sie kniete sich von Anna hin. »Ich zeige ihnen, wie sie es machen müssen.«

Karin sah aufmerksam zu, wie Frau Dortmund die Bänder des Umhangs an Annas Beinen befestigte. Dabei fiel ihr auf, dass nicht nur Annas Schuhe einen Absatz von beträchtlicher Höhe hatte sondern auch, dass der Unterrock von Anna ihren Beinen anscheinend nicht viel Beinfreiheit ließ.

Als Karin es dann bei Jasmin und Sandra selbst machen musste, konnte sie ihren Verdacht bestätigen. Die Mädchen waren aufgrund ihrer Kleidung nur zu kleinen Schritten fähig. Bei Jasmin fiel ihr sogar auf, dass deren Fußgelenke noch von Manschetten mit einer Kette zusammen gehalten wurde und damit die Beinfreiheit noch weiter einschränkten.

Auch Tante Selma war die Schrittkette aufgefallen und deswegen bekam Jasmin von ihr ein extra Lob. »Ich freue mich, wie sehr du doch den Traditionen unseres Hauses folgst.«

Zufällig sah Karin, wie Sandra und Anna dabei die Augen verdrehten.

»Wenn sie sich ihren Mantel auch noch anziehen, dann könnten die Mädchen mit ihrem Spaziergang beginnen.« Tante Selma klang ein wenig ungeduldig.

Karin griff sich etwas hektisch den Mantel und zog ihn sich rasch an. Viel lieber hätte sie den aufregenden Lackstock genossen, doch sie spürte, dass dafür jetzt keine Zeit mehr blieb.

 

Doch Karin und die drei Töchter waren nicht die einzigen, die sich bei dem schlechten Wetter nach draußen getraut hatten. Auf dem großen Blumenrondell vor dem Haus war eine Gärtnerin damit beschäftigt, die Stauden zu schneiden. Auch sie trug einen Lackmantel, der allerdings aufgrund seiner dunkelgrünen Farbe und den großen Taschen etwas zweckmäßiger aussah. Als sie die Mädchen kommen sah, richtete sie sich auf und winkte herüber. »Einen schönen guten Tag, meine Damen.« Dann wandte sie sich wieder ihren Blumen zu.

Die Mädchen erwiderten den Gruß. Karin drehte sich erstaunt um.

»Das ist Rosalie, die Tochter der Köchin.« Anna blickte kurz zu ihr, wandte sich dann wieder zu Karin. »Sie hilft dem Gärtner oft im Garten.«

»Aber...« Karins Stimme kam stotternt, »aber ihr tragt doch die Bälle im Mund.« Sie traute es sich nicht, das Wort 'Knebel' auszusprechen.

»Ja, weil unsere Tradition das so vor sieht.« Anna hatte ein Lachen in der Stimme. »Aber das hindert uns nicht, uns zu unterhalten.«

»Vor allem Dingen nicht bei Regen.« fügte Jasmin hinzu. Beide Mädchen waren trotz des Balles in ihrem Mund recht gut zu verstehen.

»Wieso bei Regen?« Karin war verblüfft. Sie blickte verwirrt zwischen Anna und Jasmin hin und her. Nur nebenbei fiel ihr auf, dass sich Sandra zu der Gärtnerin umgedreht hatte und Blicke mit ihr wechselte. Dabei hatte Sandra fast etwas flehendes im Blick.

»Bei Regen sind unsere Umhänge schon vom Regen nass.« grinste Anna und ihre Augen funkelten.

»Dann sieht man den vielen Speichel nicht.« fügte Jasmin hinzu.

Erst jetzt dämmerte es Karin.

»Und die Tanten kontrollieren unsere Kleidung, wenn wir wieder ins Haus gehen.« Anna öffnete ihre Lippen und ließ eine besonders große Menge Speichel hinaus laufen. »Wir müssen sonst immer sehr konzentriert sein und die Lippen fest um den Ball schließen.« Sie stöhnte leicht. »Sabberspuren sind höchst peinlich.«

»Aber bei Regen spielt das keine Rolle, weil das Cape ja sowieso nass ist.« Jasmin blickte zum Haus. »Und die Tanten können uns nur sehen, aber nicht hören.«

»Bei schönem Wetter sitzen sie dort auf der Bank.« Anna formte mit ihren Lippen ein Grinsen.

Karin blickte sich um und sah einige Bänke, die gemeint sein konnten.

Anna sah, dass Karin nicht wusste, welche gemeint war. »Verdammt,« stöhnte sie, »in den Regenklamotten ist man immer so völlig hilflos.«

Jasmin stöhnte ebenfalls, doch im Vergleich zu ihrer Schwester ging ein Strahlen über ihr Gesicht.

»Diese da?« Karin zeigte auf eine der Bänke.

»Nein, die dahinter.« Anna schien ihre Hilflosigkeit eher peinlich zu sein, während Jasmin sie mehr als nur zu genießen schien. Sandra hingegen hatte nur Augen für die Gärtnerin und schien der Unterhaltung ihrer Schwestern überhaupt nicht zu folgen. Hin und wieder stöhnte sie leise.

»Aber jetzt erzähle mal«, Jasmin drehte sich zu Karin, »Du bist vorbestraft?«

Auf einmal blieb Karin stehen und begann zu weinen. »Dieser Scheißkerl hat mich mit unterschreiben lassen.«

»Streichelkommando« war auf einmal von Anna zu hören. Die Mädchen blieben ebenfalls stehen und traten sehr dich auf Karin zu. Selbst Sandra war dem Ruf ihrer Schwester gefolgt. Sie stellten sich im Kreis um Karin und schmiegten sie so von allen Seiten um Karin.

»Wir können zwar unsere Arme nicht benutzen,« erklärte Anna leise, »aber wir haben Wege gefunden, wie wir uns trotzdem umarmen und trösten können.« Sie ließ Karin ein wenig Zeit, damit sie über die Worte nachdenken konnte. »Und jetzt erzähle, was du erzählen möchtest.«

Karin spürte auf einmal in ihrem Zorn über ihren Freund zugleich auch sehr viel Glück über die wohltuende Nähe der Mädchen und sie begann die Zärtlichkeiten der eigentlich sehr hilflosen Mädchen zu genießen. Sie erkannte erst später, dass die drei Schwestern sich leicht mit dem Oberkörper drehten und somit eine Art Streicheln bei ihr bewirkten.

Karin konnte endlich einmal ihr Herz ausschütten und über den vielen Ärger mit ihrem Freund berichten. Es tat ihr sehr gut, sich ihre Sorgen vom Hals zu reden.

»Und wie viel Geld musst du zurückzahlen?« Anna spürte, wie sehr Karin dies belastete.

Karin nannte die Summe.

»Das ist ja nur fünfstellig.« Jasmin begriff sofort, wie hochnäsig das ankommen musste. »Entschuldigung, für dich ist das sicher eine große Summe.«

Karin bemerkte, wie die Mädchen die »Umarmung« langsam wieder lösten.

»Die Tante möchte, dass wir weitergehen.« erklärte Anna und blickte kurz in Richtung des Hauses.

Auf einmal stöhnte Sandra heftig auf und ihr Körper zitterte etwas.

Karin trat erschrocken auf Sandra zu und legte den Arm um sie. »Ist alles in Ordnung?«

Sandra öffnete ihre Augen und blickte Karin etwas erschrocken an. Dann bemühte sie sich, heftig mit dem Kopf zu nicken. Doch zu einer Antwort war sie nicht fähig.

Anna blickte in diesem Moment zur Gärtnerin, die gerade dabei war, etwas in ihre Manteltasche zu stecken.

»Kannst du uns bitte das Kinn abwischen?« fragte Anna mit leiser Stimme. »Wir wollen dann wieder schweigen.« Vor dem Wort 'schweigen' hatte sie eine bedeutsame Pause gemacht. »In meiner Capetasche ist ein Tuch.«

Karin kam der Bitte sofort nach und war dabei sehr fasziniert, wie gut die Mädchen trotz der strengen Traditionen ihren Alltag organisiert hatten und wie sie dabei auch genügend Lücken zum Amüsieren gefunden hatte.

 

Im Haus wurden sie von den beiden Tanten empfangen, die sie mit sehr strengen und misstrauischen Blicken beäugten. »Sie wissen ja sicher, was nun zu tun ist.«

Karin begann zu schwitzen, denn obwohl sie die Mappe gelesen hatte, waren dort so immens viele Anweisungen und Regeln vermerkt, dass sie diese bisher noch nicht auswendig können konnte. Sie versuchte einen hilfesuchenden Blick zu Anna, die ihren Blick unauffällig zur Garderobe schwenkte.

Mit zitterden Händen begann Karin, das Cape von Anna zu öffnen. Als sie es ihr von den Schultern ziehen wollte, bemerkte sie, dass der Umhang noch irgendwo festgehalten wurde. Annas schneller Blick zu ihren Beinen hatte sie zwar noch bemerkt, aber es war zu spät, die Tanten hatten ihr Missgeschick schon bemerkt.

»Sehr gut haben sie sich ja noch nicht vorbereitet.« Selmas Stimme war eiskalt. »Sonst wüssten sie, dass sie noch den Windschutz öffnen müssen.«

Karin keuchte fast, als sie sich jetzt vor Anna hin kniete und die Bänder wieder von den Beinen löste.

»Können sie das nicht im Stehen?« ließ sich jetzt Tante Paula hören.

Tränen schossen in Karins Gesicht.

»Wir erwarten sie dann um Punkt sechs im Speisesaal.« Tante Selma blickte demonstrativ auf die große Standuhr, dann drehte sie sich um und ging in Richtung Salon. »Sie haben sich ja hoffentlich darauf vorbereitet.« Paula ging ihr mit einem Kopfschütteln hinterher.

 

Karins Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, als sie die Umhänge der anderen beiden Töchter abnahm und zur Garderobe brachte. Gerade als sie mit allem fertig war, hörte sie die Standuhr die Zeit schlagen. Die drei Glockentöne zeigten Karin, dass sie nur noch eine Viertelstunde Zeit hatte.

Wieder begann Karin zu weinen, sie hatte einfach keine Kraft mehr. Wie schon vorhin spürte sie gleich darauf wieder die Umarmung der Töchter, doch diesmal nur als eine kurze Geste. Sie spürte, dass die Töchter ihre Aufmerksamkeit haben wollten.

Sie wischte sich die Augen aus und sah dabei, wie sich Anna hin kniete. Ihre Schwestern stellten sich mit dem Rücken neben sie und hoben ihre Arme, die noch in den Monohandschuhen steckten, zu Annas Kopf.

Auf einmal war von Anna ein kurzes Stöhnen zu hören, dann stand sie wieder auf und der Ballknebel baumelte um ihren Hals. Karin rieb sich verblüfft noch einmal die Augen.

»So hilflos wie es aussieht, sind wir gar nicht.« grinste Anna und wandte sie zu Karin. »Wir wollen dir helfen.« Auch sie blickte dann mit einem sorgenvollen Blick zur Uhr. »Nimm bitte Jasmin und Sandra auch den Knebel ab, dann schaffen wir das rechtzeitig.«

Karin kam der Bitte mit zitternden Händen nach.

»Die Tanten sind unmöglich«, bestätigte Jasmin, kaum dass sie den Ball nicht mehr um Mund hatte. »So schnell kann das doch keiner lernen.«

Sogar Sandra gab sich aufmerksam. »Sie wollen dich vergraulen und das wollen wir verhindern.«

Anna gab die Anführerin. »Komm mit in unsere Zimmer, auf dem Weg dahin erklären wir dir, was noch alles zu tun ist.«

»Mach uns bitte hier schon die Handschuhe auf, dann können wir gleich die Gymnastik machen.« Auch Sandra schien daran interessiert zu sein, dass Karin diese Feuerprobe bestehen könne.

»Eigentlich dürfen wir die ja nur in unserem Zimmer ablegen.« wollte Jasmin an die strengen Regeln erinnern.

»Das ist ein Notfall.« Anna schob den Einwand beiseite. »Sonst reicht die Zeit nicht.«

Karin war erstaunt, wie schnell sich die Mädchen bewegen konnten. Nur ganz nebenbei erkannte Karin, dass die Mädchen zwar nur kleine Schritte machen konnte, aber dieses in einer Geschwindigkeit, dass sie fast Karins Tempo erreichten. Sogar im Treppenhaus zeigte der seitliche Gang, wie geübt die Mädchen darin waren, sich mit der sicher sehr einschränkenden Kleidung zu bewegen. Außerdem nutzten sie die Zeit, um ihre Armmuskeln wieder zu lockern.

»Man kann die Handschuhe sehr lange tragen, wenn man immer mal wieder kleine Pausen macht und für Gymnastik sorgt.« antwortete Anna leicht keuchend auf die Frage, die Karin noch gar nicht gestellt hatte.

Erst im Rückblick konnte Karin erkennen, wie gut sie die Mädchen in ihrer ersten Bewährungsprobe unterstützt hatten. Alle drei hatten sich ihren Knebel und auch den Handschuh in die Hand genommen. In ihrem Zimmer mussten sie lediglich den Handschuh an das Garderobenbrett hängen und Karin den Essenshandschuh reichen. Bei Jasmin konnte Anna und Sandra mit anfassen und kurz die einzelnen Handgriffe erklären. Karin fand sogar die Zeit, nach dem Grund zu fragen.

»Im Speisesaal musst du uns die wieder abnehmen.« erklärte Anna hastig.

Karin schüttelte verwundert den Kopf.

»Es ist nur zur Gewöhnung und damit wir im Training bleiben.« Sie hielt kurz inne. »Wir dürfen auf dem nächsten Familienfest nichts falsch machen. Wir wollen uns nicht noch einmal so blamieren.«

Jasmin drängte zur Eile. Doch als sie Karins verwunderten Blick sah, hielt auch sie inne. »Wir erklären dir das alles später.«

»Zum Mittagessen müssen wir sogar mit dem Ball im Mund erscheinen, sonst gibt es nichts zu essen.« Sandras Stimme hatte trotz der Hektik einen etwas ironisches Unterton.

Bei Sandra musste Anna so gut wie nicht mehr eingreifen und Annas Handschuh konnte Karin dann schon genauso schnell anlegen wie zuvor der von Jasmin.

Als Karin sich für die Hilfe bedanken wollte, blickte sie erstaunt durch das Zimmer. Die Mädchen waren schon an der Tür und Anna war schon bei der Tür und drückte sie mit ihren Monoarmen auf. Sandra und Jasmin blickten Karin ungeduldig an. Auf dem Weg zum Abendessen nutzte Anna noch die Zeit, Karin zu erklären, was sie im Speisesaal noch zu tun hatte, damit die Tanten zufrieden sein würden. Karin war bemüht, sich alles gut zu merken.

»Rosalie hat etwas Essen für dich vorbereitet.« fügte Sandra noch hinzu. »Aber wenn die Tanten klingen, muss du zur Tafel kommen.« Es schien Sandra sehr wichtig zu sein.

Karin war sehr mit ihren Aufgaben beschäftigt, so dass ihr die Blicke, die Jasmin und Anna austauschten, entgingen.

Gerade als Karin die Tür zum Speisesaal öffnete, ertönte der erste der sechs Glockenschläge der Standuhr. Es schien ihr, als wären die Tanten im ersten Moment etwas enttäuscht. Doch sofort hatten sie wieder ihren kritischen Blick aufgesetzt und musterten die Handschuhe der drei Mädchen kritisch.

 

Karin keuchte, als sie die Tür der Dienstbotenküche hinter sich schließen konnte. Ihre erste Feuerprobe hatte gerade so bestanden. Zumindest war das ihr Eindruck. Die Tanten hatten eben im Speisesaal die Töchter inspiziert und nichts zum Aussetzen gefunden.

Sie ließ sich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen und lehnte sich zurück. Sie wusste, dass sie das ohne die Hilfe der Mädchen aber nie geschafft hätte. In Gedanken ließ sie die Viertelstunde noch einmal ablaufen und hoffte dabei, dass sie beim nächsten Mal mit weniger Hilfe auskommen würde.

Erst jetzt bemerkte Karin, dass sie nicht allein in der Küche war. Das junge Mädchen, welches vorhin die Blumen gepflegt, saß ihr gegenüber und es schien Karin, als würde sie sehnsuchtsvoll auf die Klingel blicken, die über der Tür angebracht war.

»Entschuldige sie bitte, ich habe mich gar nicht vorgestellt.« Karin stand auf, ging zu der Gärtnerin und reicht ihr die Hand. »Ich bin Karin und kümmere mich um die Töchter.«

»Rosalie, ich bin die Tochter der Köchin.« Sie gab Karin ebenfalls die Hand. Dabei rutsche der Bademantel, den sie trug, etwas auf.

Karin konnte erkennen, dass Rosalie wohl nur wenig darunter trug. Sie sagte aber nichts.

Rosalie schien den Blick trotzdem bemerkt zu haben. »Ich komme gerade vom Duschen.« antwortete sie etwas verlegen. Doch dann sprang sie auf einmal von ihrem Stuhl auf. »Ich bin ein Narr.« Sie ging zum Kühlschrank. »Ich soll ihnen ja was zum Essen geben.« Sie öffnete ihn und holte einen mit Alufolie bedeckten Teller heraus. Sie stellte Karin den Teller hin. »Lassen sie es sich schmecken.«

Karin bedankte sich höflich, dann blickte sie auf den Teller. Erst jetzt bemerkte sie, wie hungrig sie doch war. »Wenn sie mir noch zeigen, wo ich die Bestecke finden kann.« Es war Karin nicht recht, hier so bedient zu werden.

Doch Rosalie lachte kurz. »Aber natürlich.« Doch die Bitte artete zu einer kleinen Führung durch die Küche aus. »Es schadet bestimmt nicht, wenn sie sich hier auskennen.« Sie seufzte etwas. »Die Tanten haben manchmal sehr seltsame Wünsche.«

Jetzt auch mit Besteck ausgerüstet, konnte sich Karin endlich an den Tisch setzen und sich über das Essen hermachen. Doch kaum hatte sie den ersten Biss im Mund, als auf einmal die Klingel über der Tür ertönte.

»Na endlich.« Rosalie schien darauf gewartet zu haben. Doch dann wurde sie verlegen, als sie sich der Anwesenheit von Karin bewusst wurde. »Die Tanten haben geklingelt. Sie müssen jetzt Sandra auf ihr Zimmer bringen.« Als Rosalie merkte, was sie gerade gesagt hatte, wurde sie verlegen und leicht rot. »Das glaube ich zumindest.«

Karin schluckte herunter und ging mit schnellen Schritten zum Speisesaal. Sie war noch nicht richtig eingetreten als sie schon die recht ungehaltene Stimme von Tante Selma hörte.

»Bringen sie bitte Sandra auf ihr Zimmer und wenden sie die entsprechende Strafe an. Sie hat sich beim Essen mal wieder gründlich daneben benommen.«

Karin zögerte einen Moment mit ihrer Antwort.

»Sie werden doch hoffentlich wissen, was zu tun ist.« Tante Paula schien das Zögern bemerkt zu haben. »Sie haben die Mappe doch gelesen?«

Karin wusste überhaupt nicht, was sie tun sollte.

Doch Sandra kam ihr zu Hilfe. Sie stand auf und blickte ihre Tanten abwechselnd an. »Tante Selma, Tante Paula, ich bitte um meine gerechte Strafe.«

Die beiden Tanten waren sehr aufgebracht. Sonst hätten sie sicherlich bemerkt, dass Sandra schwer damit zu kämpfen hatte, nicht zu lachen.

Karin bekam von den Tanten einen auffordernden Blick. Doch wieder musste Sandra den Anstoß geben. Sie blickte Karin ermutigend an, dann ging sie mit langsamen aber stolzen Schritten zur Tür. »Wir kommen nachher noch kontrollieren.« hallten die Worte der Tanten nach.

Karin ging hinterher. Kaum war die Tür geschlossen, als es aus Karin heraus brach. »Ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich jetzt tun muss.«

»Du bringst mich jetzt auf mein Zimmer.« Sandra war sofort zur Hilfe bereit. »Wenn ich im Bad war, ziehst du mir das Nachthemd an und bindest meine Hände am Kopfende fest.«

»So früh musst du schon ins Bett?« Karin war erstaunt. »Was hast du denn angestellt?«

»Diesmal habe ich mir Wasser in den Wein geschüttet und dann mit dem Suppenlöffel umgerührt.« Sandras Stimme strahlte irgendwie Begeisterung aus. »Nach der Suppe.«

»Deine Tanten sind aber sehr streng.« Karin wollte ein wenig Mitgefühl zeigen.

Doch Sandra grinste etwas. »Nicht wahr.« Karin kam es vor, als würde sie lachen. »Und vor allem so berechenbar.«

Karin fielen die leuchtenden Augen von Sandra auf, die so gar nicht zu der Strafe passten.

 

Im Zimmer angekommen, hatte Sandra es auf einmal recht eilig. Karin blieb nur übrig zuzusehen, wie sie sich auszog und gleich darauf ins Bad verschwand. Dabei hatte die Erzieherin große Mühe, ihr Erstaunen zu verbergen, als Sandras stählerne Unterwäsche zum Vorschein kam. Sie trug nicht nur einen Keuschheitsgürtel, sondern auch den dazu passenden Keuschheits-BH aus Stahl sowie Schenkelbänder mit einer sehr kurzen Kette zwischen den Beinen.

Karin seufzte voller Sehnsucht, als Sandra im Bad verschwunden war. Solche Unterwäsche würde sie auch gern tragen müssen. Doch im Moment war dies einfach nicht bezahlbar für sie. Außerdem, so tröstete sie sich, wäre es sicher auch nicht so spannend, wenn sie selbst über die Schlüssel verfügen würde. Ihr Traum war es, dass jemand anders ihre Schlüssel verwalten würde. Und derjenige würde sehr streng sein.

»Hilfst du mir bitte mit dem Nachthemd?« Sandras Stimme riss Karin aus ihren Gedanken. Sie blickte zum Bett und sah, dass Sandra schon die Bettdecke zurückgeschlagen hatte und etwas seidiges in den Händen hielt. »Eigentlich kann ich das Nachthemd auch allein anziehen, aber das ist sehr mühsam.« Sandra reichte Karin das Seidenbündel. »Im Beinteil ist ein Gummizug eingearbeitet, der die Beine aneinander drückt.« Sie streckte ihre Beine aus und blickte Karin erwartungsvoll an.

Karin rollte das Bündel auseinander und erkannte sehr schnell, wie es sie der Tochter über die Beine zu ziehen hatte.

Sandra griff dann selbst zu und schob ihre Arme in die Ärmel des Nachthemdes. Sie bat Karin, die Ärmel weiter hochzuziehen, bis die Hand im Handschuh verschwunden war.

»Da ist ein Handschuh eingearbeitet?« Karin war erstaunt.

»Für jeden Finger ein eigener Platz.« Sandra grinste leicht. »Und versteift sind die Finger auch.« Als der Ärmel richtig hochgezogen war, zeigte sie, wie wenig sie ihre Hand jetzt noch nutzen konnte.

»Wie ein Brett.« Karin staunte noch mehr.

Sandras Blick fiel auf den linken Bettpfosten. Irgendwie lag dabei Sehnsucht in ihrem Blick.

Karin folgte dem Blick und sah, dass dort eine offene Ledermanschette befestigt war. Sie blickte Sandra erstaunt an.

Zur Antwort zuckte Sandra nur mit den Schultern. »Aber erst musst du mir das Nachthemd noch zuschnüren.« Sie blickte an sich herunter.

»Das ist ja viel strenger als es auf den ersten Blick aussah.« Karin hatte gerade die letzte Öse eingefädelt und war jetzt dabei, das Nachthemd bis unter das Kinn zu schließen. »Der breite Kragen ist auch verstärkt?«

»Es sieht so zart aus, aber es wirkt wie sonst die Halskorsetts.« Sandras Stimme war etwas leiser. »Aber man gewöhnt sich schnell daran.« Sie blickte auf die Uhr. »Und jetzt das Finale.« Sie grinste über ihren Scherz und legte ihre Arme neben die Ledermanschetten.

 

Auf dem Weg zurück in die Küche ging Karins Atem heftig. Sie war sehr fasziniert von der Weise, wie Sandra ihre Strafnacht verbringen musste. Nach dem Schließen der Manschetten hatte sie noch darum gebeten, sie zu zudecken und die Decke am Bett zu befestigen. Allerdings kam es Karin so vor, als wäre es für Sandra überhaupt keine Strafe, denn ihre Augen strahlten und sie schien sich irgendwie auf etwas zu freuen.

Die Küche war leer. Karin bedauerte dies, denn sie hätte Rosalie gern gefragt, woher sie das mit Strafe wissen konnte. Aber jetzt konnte sich Karin in aller Ruhe über ihr Abendessen her machen.

 

Es klingelte. Karin sah auf die Tafel und sah, dass die »Speisesaal«-Lampe leuchtete. Sie legte die Mappe beiseite und stand auf. Sie hatte sich die Mappe gleich nach ihrem Essen geholt und hatte versucht, weiter einige Aspekte der Tradition zu lernen. Die Schwierigkeit war, dass die Mappe nicht nach der Zeit sortiert war, sondern es ging erst um Kleidung, dann um das Benehmen, später um das Gebäude und Karin musste sich die Aufgaben aus den einzelnen Abschnitten zusammen suchen.

Als Karin die Tür zum Speisesaal öffnete, erhoben sich die beiden Tanten und verließen den Raum. Anna und Jasmin blieben noch am Tisch und blickten Karin erwartungsvoll an.

»Was muss ich jetzt tun?« Nachdem Karin jetzt mit den Töchtern allein war, hoffte sie auf Hilfe.

»Haben sie denn die Mappe nicht gelesen?« Jasmins Stimme klang total ernst.

Ein paar Sekunden herrschte Stille im Raum und Karins Atem ging heftig. Doch dann prusteten die beiden Schwestern los und Karin erkannte den Scherz.

»Ich möchte einen Brief diktieren.« Anna blickte Karin erwartungsvoll an.

»Du hast gestern erst einen Brief geschrieben, jetzt bin ich dran.« Jasmin funkelte ihre Schwester an. »Ich möchte lesen.« Sie suchte ebenfalls Karins Aufmerksamkeit.

»Immer willst du lesen.« Annas Stimme war empört.

Karin glaubte erkannt zu haben, dass die zwei Schwestern ziemlich erfolglos versuchten, auf ein gemeinsames Thema zu einigen. »Warum macht ihr denn nicht beides?«

Die beiden Schwestern blickten Karin zunächst empört an. »Emma verlangt, dass wir uns auf ein Thema einigen.«

Karin ging in Gedanken die Namen durch, die sie schon gelernt hatte, doch eine Emma war nicht dabei. »Wer ist Emma?«

»Unsere alte Gouvernante.« Anna erklärte, dass sie schon sehr alt war und nur noch eine Sache beaufsichtigen wollte.

»Also von mir aus könnte ihr auch mehrere Sachen machen.« Karin war erleichtert, den Streit geschlichtet zu haben. Sie ahnte, dass ihre Arbeit noch sehr viel schwieriger werden würde, wenn die Schwestern sich nicht vertragen würden.

»Ah, hier sind sie noch.« Frau Dortmund betrat den Raum. »Die Tanten lassen ausrichten, dass das Tragen des Familienhandschuhs mal wieder zu üben sei. Ich soll an die baldige Feste erinnern.« Sie wandte sie an Karin: »Haben sie sich schon mit dem Muster auseinander gesetzt?«

Karin schüttelte den Kopf.

Die Verwalterin reichte Karin einen kleinen Zettel. »Hier, ich habe mir das mal abgeschrieben. So muss das aussehen.«

Karin sah sich den Zettel an. X X | |=| | X | X | X o

»So muss die Schnürung aussehen, wenn der Handschuh fertig angelegt ist.«

Karin blickte verständnislos auf den Zettel. »Wie soll denn das gehen?«

»Das ist ganz einfach.« Jasmin schien von der Aussicht, bald in den Handschuh geschnürt zu werden, sehr begeistert zu sein.

»Du mit deinem Ehrgeiz« Anna war weniger begeistert.

»In deinem Handschuh könnte ich ja stricken.« Jasmin versuchte, etwas verächtlich zu klingen.

Frau Dortmund hatte das Gefühl, Karin die Zusammenhänge erklären zu müssen. »Es ist beim Tragen der Familienhandschuhe nicht wichtig, wie weit die Trägerin ihre Arme auf dem Rücken zusammen bekommt, aber die Schnürung des Handschuhs muss wirklich vollständig geschlossen sein.« Dann wandte sie sich wieder an die Töchter. »Und ihr hört jetzt auf zu streiten, sondern holt lieber eure Handschuhe. Wir treffen uns dann gleich im Salon.«

Während die Mädchen aufstanden, drehte sich die Verwalterin zu Karin. »Folgen sie mir bitte.«

* * *

Irgendwie hatte Karin die Tanten im Salon erwartet, deswegen war sie erstaunt, den Raum leer vorzufinden. Lediglich im Kamin knisterte leise das Feuer.

»Die Tanten gesellen sich später dazu«, Die Verwalterin schien Karins Gedanken wahr zu nehmen. »Sie müssen jetzt erst mal das Essen verdauen.«

Karin lies sich in einen der vielen Sessel fallen und begann sich ein wenig umzusehen. Irgendwie war der Raum zwar geschmackvoll eingerichtet, aber doch von den Stilen her bunt gemischt.

»Schauen sie sich schon mal das Muster an.« Frau Dortmund riss sie aus ihren Gedanken. »Die Mädchen werden gleich da sein.«

Karin nahm den Zettel zur Hand und blickte etwas verwirrt darauf.

»Das kleine 'o' steht für 'oben' und auf der Rückseite sehen sie, wie es auf der Rückseite aussehen müsste, wenn man sie sehen könnte.«

Karin drehte den Zettel interessiert um.

»Die Familie verzieht einem schon mal den einen oder anderen Patzer«, irgendwie klang Frau Dortmunds Stimme etwas leidgeprüft. »Aber bei dem Familienmuster dürfen sie sich wirklich keinen einzigen Fehler erlauben.«

Karin nahm es zur Kenntnis, auch wenn sie selbst die Wichtigkeit noch nicht verstanden hatte.

Die Tür zum Salon sprang auf und eine strahlende Jasmin eilte in den Raum. In ihren Händen hielt sie ein Ledergebilde und ein Buch. Weit hinter ihr kam mit langsamen Schritten Anna. Diese hielt nur einen Handschuh in den Händen.

»Ich will zuerst.« Jasmin hielt Karin den Handschuh unter die Nase.

»Du bist doch kein kleines Kind mehr.« Erst die Ermahnung von der Verwalterin ließ Jasmin darüber nachdenken, wie kindisch ihr Verhalten war.

»Entschuldigung.« Sie war sehr verlegen. »Ich trage den Handschuh doch so gern.«

»Kommen sie«, Frau Dortmund wandte sich an Karin. »Ich zeige ihnen, wie sie es machen müssen.« Sie ging mit dem Handschuh zu Jasmin und zog ihr die Lederhülle über die Arme.

Karin wunderte sich etwas über den seltsamen Verlauf der Riemen. Insbesondere verliefen diese bei diesem Handschuh nicht über der Brust, sondern nur eben so über die Schultern.

»Das ist ein Ledermeister-Handschuh.« erklärte Jasmin sehr stolz, als sie Karins Verwunderung bemerkte. »Der lässt sich strenger schnüren als ein normaler Handschuh und er verschandelt nicht das Dekolleté.«

Anna, die jetzt ebenfalls den Raum betrat, verdrehte nur die Augen.

»Sehen sie, die ersten beiden Kreuze sind ganz einfach.« Die Verwalterin begann mit der Schnürung. »Die Schnüre kommen hier aus den Löchern heraus und müssen schräg gegenüber wieder hinein.«

Karin verglich den Verlauf der Schnüre mit ihrem Zettel und nach kurzer Zeit hatte sie das System verstanden.

»Schwieriger ist es nur bei dem Quadrat. Hier verlaufen die Schnüre manchmal doppelt.« Frau Dortmund zeigte, wie die Skizze vom Zettel auf den Handschuh abzubilden war. »Das Schwierige ist, dass man das Muster erst sieht, wenn der Handschuh komplett geschlossen ist. Dann aber sind Fehler nur noch dadurch zu korrigieren, dass man komplett von vorn anfängt.«

Karin spürte die Ernsthaftigkeit in den Worten und sie ahnte, dass Frau Dortmund aus eigener Erfahrung sprach.

»Wenn sie die Schnüre durch alle Ösen geführt haben, beginnen sie langsam von unten mit dem Festziehen.« Die Verwalterin zeigte, wie sie am unteren Ende des Handschuhs beginnen musste.

»Das ist ja genauso wie bei meinen langen Schnürstiefeln.« fiel es Karin auf einmal auf. »Das Prinzip kenne ich.« Verträumt dachte sie an das aufregende Gefühl, wenn sich das Leder immer enger um ihre Beine legte.

»Nachdem die Schnürung komplett angelegt ist und nirgendwo noch ein Spalt zu sehen ist, können sie die Abschlussschleife machen. Ziehen sie die Schnürung aber lieber mehrmals nach und machen sie es so streng wie es geht.« Sie beschrieb, dass die Mädchen ihre Arme natürlich nicht stillhalten würden und das deswegen in der Schnürung trotzdem kein Spalt auftreten darf. »Im Ernstfall sollte es eine Schleife mit Doppelknoten sein und wenn sie dann mit allem zufrieden sind, können sie die übrig gebliebenen Enden abschneiden. Aber jetzt reicht es, die übrige Länge einfach aufzuwickeln.«

Karin war doppelt beeindruckt. Tatsächlich war auf der Schnürleiste das Muster zu erkennen, welches sie auch auf dem Zettel hatte. Und Jasmin machte es keine Probleme, ihre Arme so streng auf dem Rücken zusammengehalten zu tragen.

 

Annas Handschuh war etwas weiter. »Ich kriege meine Ellenbogen nicht zusammen, aber das ist in der Tradition auch nicht so wichtig. Aber auch meine Schnürung muss ganz geschlossen sein.«

Jasmin lachte. »Das ist nur deine Ausrede dafür, dass du nicht so viel geübt hast.«

Als Antwort bekam Anna einen bösen Blick von ihrer Schwester, dann legte sie ihre Arme auf den Rücken und blickte Karin ermutigend an.

»Versuchen sie es jetzt auch mal.« Frau Dortmund reichte Karin den Handschuh.

Die ersten zwei Kreuze waren einfach, doch dann musste Karin oft auf den Zettel schauen und einmal musste sie wieder drei Löcher zurück, weil sie einen Fehler gemacht hatte. Aber schließlich konnte sie auch mit dem Zuziehen beginnen und obwohl Annas Handschuh wesentlich weiter war als der von Jasmin, stöhnte Anna heftiger als ihre Schwester.

»Mache ich was falsch?« fragte Karin, als Anna einmal besonders laut stöhnte.

»Nein, es ist alles in Ordnung.« bemühte Anna zu versichern, »Ich fürchte nur, dass Jasmin Recht hat, mir fehlt die Übung.«

 

»Ich möchte dann mit dem Lesen beginnen«, forderte Jasmin, als sie sah, dass Karin mit dem Handschuh von Anna fertig war. Ihr erwartungsvoller Blick wechselte hin und her zwischen Karin und dem Buch, welches sie auf den Tisch gelegt hatte.

»Gern, aber was muss ich dafür tun?« Karin wusste nicht, was Jasmin jetzt von ihr erwartete.

»Leg das Buch hier drauf und stelle mir den Ständer vor den Sessel.« Jasmin zeigte auf etwas, was ein wenig Ähnlichkeit mit einem Notenständer hatte. »Und schlage bitte die Seite 184 auf.«

Karin hatte das Prinzip von Jasmins Lesehilfe sofort begriffen und stellte den Ständer erst vor den Sessel, dann passte sie auch noch die Höhe soweit an, bis Jasmin zufrieden war.

»Ich muss dir dann auch umblättern?« Karin versuchte, sich in Jasmins Situation hinein zu versetzen. Doch zu ihrem Erstaunen war Jasmin fast empört.

»Das kann ich selbst.« Sie beugte sich so weit vor, bis ihre Nasenspitze mit dem Buch in Berührung kam, dann schob sie die Seite auf die andere Buchhälfte. »Voilà« grinste sie stolz. Sie blätterte auf diese Weise auch wieder zurück. »Das geht in beide Richtungen.« Sie strahlte.

»Ist dir das nicht zu mühsam?« Karin war sichtlich erstaunt.

»Im Gegenteil!« Jasmin war fast empört. »Ich bin stolz darauf, dass ich so geschickt bin, selbst umblättern zu können.«

Anna lachte. »Du bist bloß zu ungeduldig um auf das Umblättern zu warten.« Sie beschrieb, dass es eigentlich richtig wäre, nach dem Lesen einer Seite um das Umblättern zu bitten und dann zu warten.

»Aber ich will doch wissen, wie es weiter geht.« Jasmin lachte ebenfalls.

»Du weißt aber schon, dass das so überhaupt nicht schicklich ist.« Anna blickte Karin auffordernd an. »Genauso wenig wie das selbst schreiben.«

Karin begriff erst nach einiger Zeit, was Anna von ihr erwartete.

 

»... Und ich freue mich sehr auf unser baldiges Wiedersehen. In freudiger Erwartung, und von Herzen die Ihre, Komtesse Anna von Stein.« diktierte Anna ihren letzten Satz.

Jasmin blickte von ihrem Buch auf und schaute neugierig zu ihrer Schwester. »Na, welche Geheimbotschaft hast du ihm diesmal mitgeschickt?« Ihre Augen funkelten seltsam.

»Das geht dich gar nichts an.«

Karin sah, dass Anna bei dieser Frage rot wurde.

Sehr schnell hatte Jasmin ihren Ständer mit dem Fuß weg geschoben und war zu Karin getreten. »Im vierten Absatz jedes vierte Wort.« murmelte sie vor sich hin und begann den Brief in Augenschein zu nehmen.

»Du bist ein gemeines Biest.« Anna war aufgesprungen und versuchte ihre Schwester von dem Brief weg zu schieben. »Das zahle ich dir heim.«

Jasmin versuchte trotz der Stöße ihrer Schwester den Brief weiter im Auge zu behalten. »Du bist so ein scheinheiliges Luder.«

Obwohl Karin spürte, dass der Streit der beiden Schwester nur gespielt war, fühlte sie sich trotzdem zum Eingreifen genötigt. »Auseinander ihr zwei.« Da beide Schwestern nicht über ihre Arme verfügten, hatte Karin leichtes Spiel, die beiden Streithähne unter Kontrolle zu bekommen. »Jetzt setzt sich jede in ihren Sessel und dann ist Ruhe.« Auf einmal wurde Karin mutig. »Oder soll ich eure Knebel benutzen.« Ihr war aufgefallen, dass in dem Sekretär neben dem Fach mit den Schreibutensilien drei Ballknebel lagen.

Jasmin zuckte kurz zusammen. Doch auf einmal begannen ihre Augen wieder zu leuchten. »Du bist ein ganz gemeines Biest.« fauchte sie ihre Schwester an. Dabei verriet aber der Blick zu den Knebel ihre wahre Absicht.

Karin sah eine Möglichkeit, wie sie sich scheinbar ein wenig Respekt verschaffen konnte. Sie griff sich zwei der Knebel und legte sie den beiden Schwestern an.

 

Natürlich war Karin neugierig auf die »geheime« Botschaft, aber genauso fand sie es falsch, jetzt Annas Brief noch einmal zu lesen.

»Was ist denn hier los?« Tante Selma betrat den Salon und blickte sich verärgert um. »Warum macht ihr so einen Lärm.« Doch dann sah sie, dass beide Schwestern jetzt zum Schweigen gezwungen waren und sie blickte anerkennend zu Karin. »Sie haben sich durchgesetzt, das ist sehr gut.«

Karin begriff erst sehr viel später, dass sie gerade von Selma gelobt worden war.

»Was habe die Mädchen denn gemacht?« wollte die Tante wissen.

Karin berichtet von dem Buch in dem Jasmin las und den Brief, den sie für Anna geschrieben hatte.

»Na, dann lesen sie mal vor.« Selma blickte Karin auffordernd an.

Karin zögerte.

»Die Tante möchte wissen, was ich meinem Verlobten schreibe.« Anna bemerkte Karins Skrupel. »Das geht schon in Ordnung.«

Karin las den Brief vor und obwohl sie es eigentlich nicht machen wollte, schaute sie doch im vierten Absatz nach jedem vierten Wort, so wie Jasmin es ihr verraten hatte. »Lege mir den Handschuh an und bring mich ins Bett, dann liebe mich.« war die versteckte Botschaft. Karin blickte Anna verwundert an.

Anna blickte etwas verlegen und schuldbewusst zurück und funkelte zwischenzeitlich ihre Schwester an.

Die Tante schien den Schlüssel nicht zu kennen, denn sie war mit dem Inhalt des Briefes einverstanden. »Sehr schön geschrieben. Und jetzt wäre es doch Zeit fürs Bett oder?«

Obwohl es als Frage formuliert war, verstanden es die Mädchen so wie es gemeint war, als Befehl. Sie erhoben sich und blickten Karin erwartungsvoll an.

Jetzt ärgerte sich Karin heimlich, dass sie den Mädchen die Knebel angelegt hatte. Jetzt würden sie ihr sicher nicht mehr helfen. Doch dann sah sie, wie Anna erst Karins Blick suchte und dann nach oben blickte.

Karin hoffte sehr, dass sie diese Geste richtig interpretiert hatte. »Ich werden euch dann auf eure Zimmer bringen.«

Zu ihrer Erleichterung war Tante Selma mit ihrem Vorgehen einverstanden. »Wir kommen gleich zum Aufschließen.« Sie hatte es eilig, den Salon wieder zu verlassen.

»Soll ich euch die Knebel wieder abnehmen?« Irgendwie bereute Karin ihre strengen Eifer.

Anna nickte dankbar, während Jasmin den Kopf schüttelte.

»Danke«, sagte Anna, als sie ihre Lippen wieder schließen konnte.

»Was muss ich jetzt tun?« Karin beklagte sich darüber, dass die Mappe so unbrauchbar aufgebaut war.

»Ich helfe Dir.« Annas Augen leuchteten etwas, nachdem sie kurz ihre Schwester böse angesehen hatte.

 

Im gemeinsam genutzten Ankleidezimmer durfte Karin den Schwestern die Handschuhe abnehmen und konnte zusehen, wie die Mädchen sich zügig auszogen. Nur beim Öffnen der Korsetts baten sie Karin um Hilfe.

»Die Tanten kommen gleich und werden uns aufschließen, da müssen wir bereit sein.« erklärte Anna aufgrund von Karins fragendem Blick. »Sie warten nicht gern.«

Karin konnte fasziniert erkennen, dass beide Mädchen nicht nur in Keuschheitsgürtel eingeschlossen waren, sondern zu auch noch Keuschheits-BHs und Schenkelbänder trugen. Bei Jasmin war zudem auch noch die kurze Kette zwischen ihren Fußgelenken zu sehen. Sie seufzte heimlich. Zu sehr würde sie auch so etwas tragen. Doch für sie war es unerschwinglich.

 

Kaum hatten die Mädchen ihre letzten Kleidungsstücke ordentlich zusammen gelegt und sich in ihre Bademäntel gehüllt, als sich die Tanten mit resoluten Schritten ankündigten.

»Ah, ihr seid ja schon fertig«, sagte Tante Selma, als sie den Raum betrat. Hinter ihr kam Paula ins Zimmer.

Selma ging zu Jasmin, während Paula sich ihrer Schwester zu wandte.

Karin hörte mehrmals das leise Klicken eines aufspringenden Schlosses.

»Wir kommen dann in einer halben Stunde wieder und kontrollieren.« Selma blickte Karin streng an. »Sorgen sie dafür, dass sie alles richtig machen.«

Karin wollte noch etwas erwidern, doch als sie Annas warnendes Gesicht sah, blieb sie ruhig.

»Keine Angst«, sagte Anna, kaum das die Tür ins Schloss gefallen war, »Ich zeige Dir, was alles zu tun ist.«

Erst jetzt fiel Karin auf, dass Jasmin immer noch ihren Knebel trug, obwohl sie jetzt ihre Hände frei hatte.

»Wir gehen jetzt ins Bad.« Anna blickte noch einmal eindringlich zu ihrer Schwester. »Bringst du unsere Sachen in unsere Zimmer?« Sie erklärte, dass sie sich nach dem Bad wieder in ihr Geschirr einzuschließen hatten. »Es war ein langer Kampf, bis die Tanten uns soweit vertrauten.«

Karin begann zu ahnen, dass die Mädchen wohl auch schon einmal unter noch viel strengerer Kontrolle standen.

 

Karins Hände zitterten, als sie Jasmins Keuschheitsgeschirr auf das Bett legte. Sie musste sich sehr beherrschen, um es nicht selbst einmal an ihren Körper zu halten. Sie war sehr fasziniert von dem Metallgefängnis, in dem die Mädchen den ganzen Tag eingesperrt waren. Besonders stach ihr natürlich der Dildo ins Auge, der an dem Gürtel angebracht war. Es wunderte sie ein wenig, dass die Tanten den Dildo tolerierten oder sogar erlaubten. Denn es bedeutete, dass keine der Mädchen noch Jungfrau war.

Doch dann hörte Karin die Schritte der Mädchen und wandte sich zur Tür. Anna betrat den Raum und zog ihre Schwester an der Hand hinterher. Es fiel Karin sofort auf, das Jasmin schon wieder den Knebel trug. Und in ihrem Blick lag etwas ängstliches gepaart mit Vorfreude.

»Setze Dich.« Anna herrschte ihre Schwester etwas an, dann ging sie zu einem der Schränke und holte ein dickes Lederbündel heraus und ging zu Jasmins Bett. Sie breitete den Schlafsack auf dem Bett und griff dann in die Tasche ihres Bademantels.

Jasmin wurde bleich, als sie den roten Dildo sah, den Anna jetzt an ihrem Keuschheitsgürtel befestigte.

»Kann ich helfen?« fragte Karin etwas unsicher. Sie wusste nicht, ob es nicht ihre Aufgabe war, Jasmin für die Nacht herzurichten.

Anna stutzte ein wenig, dann ging ein Lächeln über ihr Gesicht. »Aber natürlich.« Sie blickte ihre Schwester intensiv an. »Das ist ja deine Aufgabe.«

Es kam Karin so vor, als würde Jasmin zittern.

»Jetzt hilfst du Jasmin beim Anziehen.« Anna reichte ihr den neu bestückten Gürtel.

Jasmin hatte etwas trauriges im Blick, als sie sich ziemlich routiniert wieder in den Gürtel einsperrte. Karin musste ihr dabei fast gar nicht helfen.

»Den Verschluss zeige ich dir erst mal«, sagte Anna und hielt ein kleines Messingschloss zwischen den Fingern. Sie kniete sich vor ihre Schwester und wartete, bis Karin gut sehen konnte. »Siehst du, hier musst du das Schloss darauf stecken und dann zudrücken.« Ein leises Klick zeigte Jasmins Einschluss in den Gürtel an.

Karin kam es vor, als hätte die kleine Schwester leicht gestöhnt.

»Jetzt den hübschen BH.« Obwohl Anna leise sprach, war der Befehl in ihren Worten gut zu hören.

Ohne eine Miene zu verziehen, legte Jasmin sich den Stahl-BH um und blickte ihre Schwester kurz an.

Auch hier zeigte Anna, wie der BH zu verschließen war. »Und jetzt ab in den Schlafsack.«

Jasmin seufzte, als sie ihre Beine auf das Bett hob und in die Lederhülle steckte.

»Hier kannst du ruhig mit anfassen.« Anna zeigte Karin, welche Handgriffe wichtig waren. »Und bei den Armen musst du aufpassen, Jasmin schummelt gern.«

Ein leises, aber enttäuschtes Stöhnen von Jasmin zeigte Karin deren Absichten. Seufzend steckte Jasmin ihre Arme in die Ärmel, die innen im Schlafsack angebracht waren.

»Die sind längs am Körper fest genäht.« Annas Stimme zeigte eine gewisse Faszination. »Wirklich ausbruchssicher.«

Karin überkam eine Gänsehaut.

»Jetzt müssen wir den Reißverschluss schließen. Das geht am besten zu zweit.« Sie zeigte Karin, dass sie die beiden Enden jeweils aneinander ziehen sollte, während Anna dann den Reißverschluss ein Stück höher ziehen konnte. »Der Schlafsack ist sehr eng.«

Jasmin begann während dieser Prozedur zu stöhnen, zunächst nur leise, doch je höher der Verschluss gezogen wurde, desto lauter wurde sie.

Wie bei Sandra auch musste Karin dann noch die Decke über das Bett ziehen und an beiden Seiten befestigen. Karin glaubte dabei, ab und zu ein leises Brummen zu hören.

 

»Danke für die Hilfe«, Karin bedankte sie bei Anna, als sie ihr Zimmer betreten hatten. »Allein hätte ich das nie geschafft.«

»Keine Ursache«, Anna lächelte, »Es sind ja auch ziemlich seltsame Sachen, die bei uns wichtig sind.«

Völlig ungeniert ließ sie ihren Bademantel fallen und griff sich ihren Keuschheitsgürtel. Dann ging sie zum Bett und holte sich aus ihrem Nachttischchen ebenfalls einen anderen Dildo und ersetzt den bisherigen in dem Keuschheitsgürtel. Mit sehr routinierten Bewegungen legte sich sich selbst den Gürtel an und nahm sich das Schloss vom Nachttisch. Doch dann stutzte sie. »Möchtest du es einmal probieren?«

Karins Hände zitterten stark, als sie versuchte, das Schloss an der richtigen Stelle anzubringen. Es klappte erst beim dritten Mal. Auch beim BH hatte Karin Schwierigkeiten, als sie ihn auf Annas Bitte hin verschließen wollte.

»Die Tanten würden merken, wenn wir schummeln und dann wäre das so mühsam aufgebaute Vertrauen verspielt.« Anna sprach an, was Karin sich nicht zu fragen traute. »Außerdem haben wir »das« ja sowieso schon ausprobiert.«

Karin war verblüfft. »Wie das denn?«

»Nun, der Hersteller der Keuschheitsgürtel hat es sich zu einem extra Geschäft gemacht, den zukünftigen Schwiegersöhnen gegen eine hohe Summe Nachschlüssel für die Auserwählte zu verkaufen.« Anna lächelte verschmitzt. »Im Prinzip ist es ein offenes Geheimnis.«

Karin war überrascht. »Ich habe dich für so brav und folgsam gehalten.«

»Stille Wasser.« Anna wurde etwas rot. »Man trifft sich ja so auf den diversen Familienfesten. Und zu vorgerückter Stunde werden von den älteren Mädchen die wirklich wichtigen Aspekte unserer Traditionen weiter gegeben.« Das Wort 'wirklich' hatte sie extra betont.

Karin dachte an eine ganz bestimmte Frage, wagte es jedoch nicht, sie auszusprechen.

»Natürlich bin ich keine Jungfrau mehr.« antwortete Anna auf die nicht gestellte Frage. »Wir mussten doch ausprobieren, ob wir wirklich zusammen passen.«

»Wir?« Karin war verblüfft.

»Mein Zukünftiger und ich.« Anna hatte in diesem Moment etwas strahlendes in den Augen.

Karin war sprachlos.

»Unsere Tanten versuchen mit aller Macht, die alten Traditionen am Leben zu erhalten.« Ihre Stimme war auf einmal sehr ernst. »Und die Jugend hat diverse Mittel und Wege gefunden, sich trotzdem zu amüsieren. Inoffiziell gehört die Kennenlern-Nacht auch dazu.«

Es lag ein Strahlen in ihren Augen, dass vermuten ließ, dass sie trotz der erzwungenen Partnerwahl mit ihrer Liebe glücklich war. »Ich freue mich schon sehr auf das Wochenende bei Carla, dort sehe ich ihn wieder.«

Karin war mehr als verwundert. »ich hatte dich für so ein braves und folgsames Mädchen gehalten.«

Anna hatte etwas verschmitztes im Blick. »Naja, das bin ich ja auch die meiste Zeit.«

Karin fiel der Satz vom Brief wieder ein. »Jetzt verstehe ich auch die »geheime Botschaft«.

Anna lächelte etwas verlegen. »Wir hatten einmal einen Quickie gemacht, als meine Arme noch im Monohandschuh steckten.« Sie wurde etwas rot. »Es war gigantisch. Seit dem trage ich den auch oft im Bett, wenn wir mal zusammen sind.«

Karin fragte nach.

»Nun ja, die Tradition sieht schon einige Treffen vor, bei denen wir uns aneinander gewöhnen dürfen.« Sie grinste. »Ich freue mich schon auf das nächste Treffen am Wochenende. Bei Carlas Einführung sehe ich ihn wieder.«

Karin fragte nach den anderen Schwestern.

»Jasmin hat ihre Nacht demnächst vor sich. Ich glaube in vier Wochen, wenn sie in die Gesellschaft eingeführt wird.« Anna lachte. »Sie kann es kaum erwarten.«

Karin bewegte etwas anderes. »Ist das nicht furchtbar, keine Wahl zu haben.«

»Es gehört einfach dazu.« Anna wischte die Bedenken weg. »Außerdem wir haben so viel andere Privilegien...«

Karin wollte erst etwas erwidern doch dann spürte sie, dass Anna noch etwas sagen wollte.

»Außerdem ist das letzte Experiment in dieser Richtung gründlich schief gegangen.«

Karin blickte sie verständnislos an. Sie sah, das sich eine gewisse Trauer in ihre Gesichtszüge geschlichen hatte.

»Vater war der erste, der eine bürgerliche Frau heiraten durfte. Doch Mutter konnte sich nie mit den Traditionen anfreunden.« Anna seufzte. »Sie hat eigentlich die ganze Zeit nur darunter gelitten.«

»Ist sie ...?« Karin wollte es nicht aussprechen.

»Als ich in dem Alter war, für die Tradition in Frage zu kommen, wollte sie mich davor schützen. Doch als sich mein Vater sich gegen sie stellte und ebenfalls auf der Tradition bestand, gab es wohl so etwas wie einen Kurzschluss. Mutter ist ins Auto gestiegen und weggefahren.« Anna machte eine lange Pause. »Wir haben sie nie wieder gesehen. Einige Tage später wurde ihr Auto gefunden. Totalschaden und ausgebrannt.« Annas Stimme war traurig. »Von ihr selbst war im Auto nichts mehr zu sehen.«

»Sie fehlt dir sehr?«

»Wir haben nichts mehr von ihr gehört. Wir wissen nicht, was aus ihr geworden ist.«

Karin spürte, dass Anna das Thema unangenehm war. Sie versuchte einen Themenwechsel. »Hat Sandra ihre Liebe auch schon gefunden?«

Doch zu ihrem Erstaunen zuckte Anna zusammen und wurde rot. Sie zögerte sehr mit ihrer Antwort. »Ja, hat sie.« Das Sprechen fiel ihr schwer. »Sie ist sehr glücklich.«

Karin spürte, dass etwas nicht stimmte, doch sie wollte nicht nach haken. Sie versuchte noch einen Themenwechsel. »Muss Jasmin eigentlich jede Nacht so schlafen?«

»Nein.« Anna grinste. »Sie hat mich vorhin nur ziemlich bloß gestellt und das ist meine Rache.«

Karins Blick zeigte, dass sie die Aussage noch nicht ganz verstanden hatte.

»Der Vibrator, den sie in sich hat, ist ein Zufallsvibrator. Die Batterien halten so drei bis vier Stunden.« Anna grinste verschlagen. »Sie wird herrlich leiden.«

Karin war verblüfft. »Ich glaube, ich muss mich vor dir in acht nehmen.« Sie lächelte.

Jetzt wurde Anna etwas verlegen. »Jasmin mag es, wenn sie auf diese Weise bestraft wird.« Sie erzählte, dass Jasmin ihr öfters solche Streiche spielt, damit Anna sie dann auch so eine oder etwas andere Weise bestrafen würde.

Karin keuchte etwas.

»Aber jetzt müssen wir uns beeilen, die Tanten kommen sicher gleich.«

Anna zog sich ihr Nachthemd über und legte sich ins Bett. »Eine Sache müsstest du noch wissen.« Anna sprach etwas hektischer, weil sie bereit die Schritte auf der Treppe hörte. »Die Tanten werden die Tür zum Treppenhaus abschließen, so dass wir hier gefangen sind. Aber am Ende des Ganges hinter dem Vorhang gibt es eine kleine schmale Wendeltreppe, die nach unten führt.«

Karin versuchte in Gedanken der Treppe zu folgen. »Die führt ja dann in meinen Trakt.«

»Genau.« Die Schritte kamen näher. »Wir können die Treppe wegen unserer Schenkelbänder nicht benutzten, sie ist zu steil.«

Es klopfte und nach kurzer Zeit traten die beiden Tanten ein. Wortlos traten sie ans Bett und Selma klappte die Bettdecke zurück. Paula prüfte jedes der vielen Schlösser an Anna Keuschheitsensemble. Erst als sie sich vom korrekten Verschluss aller Schlösser überzeugt hatte, murmelte sie ein leises »gute Nacht«. Dann schlug sie die Bettdecke wieder zu.

Das Karin auch neben dem Bett stand, hatten die Tanten nicht gesehen. Oder sie hatten sie bewusst ignoriert.

»Was war denn das?« sprach Karin mehr oder weniger leise zu sich selbst.

Doch Anna hatte die Frage trotzdem gehört. »Sie kommen jeden Abend kontrollieren.« Sie drehte sich zu ihrem Nachttisch und zog die Schublade auf. »Und sie kommen nur einmal, darauf kann ich mich verlassen.«

Sie nahm ein kleines Kästchen heraus, auf dem zwei Knöpfe zu sehen waren, ein Grüner und ein Roter. Sie sah Karin verliebt an. »Das ist ein Geschenk von meinem Verlobten.« Sie blickte kurz zur Tür.

Karin verstand diesen Blick sehr gut, auch wenn sie gern gewusst hätte, was es mit dem kleinen Kästchen auf sich hatte. Doch als sie die Tür schon fast erreicht hatte, hörte sie ein leises Brummen von Annas Bett. Karin kämpfte mit sich, ob sie sich noch einmal umdrehen sollte, doch dann entschied sie sich dafür, den Raum zu verlassen. Zumindest hatte sie jetzt eine Ahnung, was es mit dem Kästchen auf sich hatte.

 

Neugierig ging sie bis an das Ende des Ganges, um nach der Treppe zu suchen. Sie fand sie erst nach einigem Suchen, weil sie den schmalen Spalt eher für eine kleine Besenkammer gehalten hatte. Das Licht ging aus und aus der Ferne hörte sie das Schließen einer Tür und das Drehen eines Schlüssels im Schloss. Es hallte etwas durch den Korridor. Jetzt war Karin auf die Treppe angewiesen und sie wusste noch nicht, wo sie hinführen würde.

Von irgendwo her fiel ein wenig Mondlicht herein und ein paar Lichtstrahlen verirrten sich auch bis zu Karin. Sie wartete noch einige Zeit, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie zumindest Umrisse erkennen konnte. Dabei lauschte sie den Geräuschen, die sie hörte.

Sie hörte noch einige Zeit die Schritte der Tanten, einmal klappte noch eine Tür und dann wurde es leiser. Ab und zu glaubte Karin so etwas wie einen Seufzer zu hören und sie fing schon an, an Gespenster zu denken, als ihr auf einmal einfiel, dass es Jasmin sein könnte, wie sie vermutlich von dem Vibrator lustvoll gequält wurde.

Plötzlich überkam Karin eine gewisse Neugier und als wieder so ein Seufzer ertönte, beschloss Karin, dem Geräusch nach zu gehen. Je näher sie Jasmins Zimmer kam, desto besser konnte sie jetzt auch ein leises Stöhnen vernehmen.

Karins Neugier stieg an. Sie blieb zunächst vor der Tür stehen und lauschte. Neben ihrem eigenen Atem hörte sie immer wieder ein leises Stöhnen, welches nach und nach anschwellte, um dann plötzlich mit einem enttäuschten Seufzer aufhörte. Es fiel Karin schwer, sich von der für sie so faszinierenden Situation los zu reißen. Nur zu gern wäre sie jetzt an Jasmin Stelle gewesen. SIE hätten sie bestimmt auch so leiden lassen.

Auf einmal erschrak Karin. SIE standen neben ihr und forderten sie auf, in ihre kleine Kammer zu gehen. SIE machten einen sehr verärgerten Eindruck und Karin verstand dies auch. Schließlich hatte sie den ganzen Tag kaum Zeit für SIE gehabt.

Mit leisen Schritte ging Karin wieder zu dem Vorgang und beschloss, den Abstieg ins Unbekannte zu wagen. Außerdem waren SIE ja da und SIE würden sicher auf sie aufpassen.

Zu Karins Erleichterung wurde es ein klein wenig heller, je weiter sie nach unten stieg. Nach einer Umdrehung der Treppe konnte Karin erkennen, wo das Licht her kam. Ein winziges Fenster ließ ein wenig Mondlicht herein fallen.

Die einzelnen Stufen hatten einen beträchtlichen Abstand zu einander und Karin verstand sofort, warum diese Treppe für die Mädchen nicht nutzbar war. Sie würden ihre Beine nicht weit genug spreizen können, um den Fuß auf die nächste Stufe setzen zu können.

Je tiefer Karin nach unten stieg, desto häufiger prüfte sie, ob sie schon das Ende der Treppe erreicht hatte. Doch die Stufen nahmen zunächst kein Ende. Erst später fiel Karin ein, wie hoch die Räume im unteren Stockwerk waren.

Schließlich hatte sie das Ende der Treppe erreicht. Das Licht hatte wieder abgenommen und Karin hatte so überhaupt keine Idee, wo sie war und ob vielleicht irgendwelche Gegenstände ihr den Weg verstellten.

Doch Anna hatte ihr die Treppe empfohlen und so hoffte sie zumindest, das sie jetzt nicht vor unüberwindbaren Hindernissen stehen würde.

SIE standen hinter ihr und befahlen ihr, langsam voran zu gehen. Ihr Herz klopfte laut, als sie sich langsam den Weg ertastete. Auf einmal spürte sie ein Hindernis. Es war aus Stoff.

Karin war erleichtert. Das dürfte wieder so ein Vorhang sein, der den Gang wie oben schon wie eine Besenkammer erscheinen lässt. Vorsichtig versuchte sie ihn beiseite zu ziehen und trat hindurch. Erleichtert erkannte sie den Korridor, der zu ihrem Zimmer führte. Das Mondlicht fiel hier durch die Fenster und zeigte Karin den Weg.

Sehr erleichtert betrat Karin ihr Zimmer. Sie schloss die Tür hinter sich und machte Licht. Im ersten Moment war sie geblendet. Doch als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatte, begann ihr Herz aufgeregt zu schlagen. SIE hatten ihr genau so einen Schlafsack auf das Bett gelegt, wie der, in dem Jasmin jetzt so herzzerreißend vor sich hin stöhnte.

Karin schluckte. Ob SIE sie wohl genauso leiden lassen würden wie Anna ihre kleine Schwester?